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Chance vertan

20’016 Men­schen in Bern haben am 7. März ein NEIN zum 112-Mil­lio­nen­kredit in die Urne ge­legt. Weil sie den Murks am Bu­ben­berg­platz und das Fällen ge­sunder Bäume im Hir­schen­graben ver­hin­dern wollten. Und weil sie über­zeugt sind: Bern kanns besser.

Leider hat es nicht ge­reicht: 57,6 Pro­zent der Stim­menden folgten ob­rig­keits­gläubig, wie das in Bern seit Jahren gang und gäbe ist, den Emp­feh­lungen der Stadt­re­gie­rung. Schade. Denn ge­rade bei dieser Vor­lage wäre ein Wi­der­spruch drin­gend not­wendig gewesen.

Weder die Zer­stö­rung des Hir­schen­gra­bens noch die Un­ter­tun­ne­lung des Bu­ben­berg­platzes sind «al­ter­na­tivlos», wie dies von Seiten der Be­hörden ge­pre­digt wird. Im Ge­gen­teil: Es gibt bes­sere und nach­hal­ti­gere Lö­sungen, wie in den letzten Wo­chen von ver­schie­denen Fach­leuten auf­ge­zeigt wurde.

Die Be­haup­tung der Stadt­re­gie­rung, des Be­für­wort­er­ko­mi­tees sowie ge­wisser Me­di­en­ver­treter, ohne Fuss­gän­ger­tunnel würde sich der Ver­kehr am Bu­ben­berg­platz stauen, war reine Pa­nik­mache. Mit der völlig ab­surden Dro­hung, Chaos und Un­fälle wären vor­pro­gram­miert, wurde Angst wurde ge­schürt. Zudem scheute man vor per­sön­li­chen Dif­fa­mie­rungen der breit ab­ge­stützten Geg­ner­schaft nicht zu­rück, die mit stich­hal­tigen Fakten und Ar­gu­menten auf­zeigen konnte, dass sich die Stadt hinter be­haup­teten Sach­zwängen ver­steckt. Und nicht alle Karten auf den Tisch legt.

Letzt­end­lich ging es beim Durch­pauken des teuren und un­nö­tigen Bau- und Ab­hol­zungs­pro­jekts «Bau­stein 2» einzig und al­lein darum, die be­reit­lie­genden Gelder aus dem Ag­glo­me­ra­ti­ons­fonds zu si­chern. Jürg Steiner bringt es in seinem BZ-Kom­mentar auf den Punkt. Er be­zeichnet die nun an­ge­nom­mene Vor­lage als An­ti­these eines grossen Wurfs: «Sie ge­horcht dem bü­ro­kra­ti­schen Kom­pro­miss­geist, der nötig ist, damit man an die Sub­ven­ti­ons­töpfe von Bund und Kanton kommt, dank denen das Ver­kehrs­paket die Stadt unter dem Strich nur rund 60 Mil­lionen Franken kosten wird.»

©Bild:satzpunkt/Google Earth

Kann, will – darf sich eine Stadt­re­gie­rung solche ab­surden Plan­spiele leisten? Muss sie es?

Die Ant­wort darauf lautet klar und deut­lich: NEIN!

Das letzte Wort ist zum Glück noch nicht ge­spro­chen. Noch liegt keine Bau­be­wil­li­gung für den «Bau­stein 2» vor. Die Ab­leh­nung des 112-Mil­lio­nen­kre­dits wäre ein Be­frei­ungs­schlag ge­wesen, der eine neue, ziel­füh­rende Pla­nung rasch er­mög­licht hätte. Mit Un­ter­stüt­zung der Fach­ver­bände, in Zu­sam­men­ar­beit mit den SBB. Die Stadt­be­hörden hätten keine Wahl ge­habt und Hand bieten müssen, für die längst fäl­lige Ge­samt­pla­nung rund um den Bahnhof der Hauptstadt.

Mit dem Ja am 7. März wurde diese Chance vertan. Trotzdem muss diese Ge­samt­pla­nung an die Hand ge­nommen werden, daran führt kein Weg vorbei. Wir bleiben dabei: Bern kanns besser! Und en­ga­gieren uns wei­terhin dafür, dass sich diese Ein­sicht durch­setzt, bevor es zu spät ist.

Würden wir heute noch wollen, dass ein Post­Parc oder ein Bu­ben­berg­zen­trum ge­baut werden? Wenn schon Bagger, dann sollten sie hier auf­fahren – nicht im Hirschengraben.

 

 

 


Kas­ta­niel und Kastarina

«Wir sind fas­sungslos», geben Kas­ta­niel und Kas­ta­rina, zwei der äl­teren Ross­kas­ta­ni­en­bäume am Hir­schen­graben, über­ein­stim­mend zu Protokoll.

«Mehr als 80 Jahre lang haben wir brav un­seren Schatten ge­spendet und einen grossen Teil zur Ver­bes­se­rung des Klimas und der Um­welt bei­getragen, und nun droht man, uns zu massakrieren.»

Die beiden haben viel er­lebt in den letzten Jahr­zehnten, aber dieses über­ra­schende To­des­ur­teil hat sie hart ge­troffen, da sie sich an­ge­sichts des re­lativ gut si­tu­ierten Stand­orts in der Stadt si­cher fühlten.

Kas­ta­rina ist vor allem von der un­ge­rechte Be­richt­erstat­tung in der lo­kalen Presse ent­täuscht. Die we­nigen Baum­freunde, die sich mit Herz­blut und En­ga­ge­ment für sie ein­ge­setzt haben, würden von igno­ranten Jour­na­listen als ‚Horde wilder Op­po­nenten‘ ver­un­glimpft. Ihre Zi­tate würden ab­sicht­lich über­trieben lai­en­haft und naiv wie­der­ge­geben, so als wären Baum­freunde nur ein Klotz am Bein des mit Steu­er­gel­dern klot­zenden Polit-Es­tab­lish­ments, seufzt Kastarina.

«Pres­se­frei­heit – ha … das ist miss­bräuch­li­cher Um­gang mit Buch­staben und das Pa­pier nicht wert, das man aus uns ma­chen könnte, falls wir nicht ein­fach nur in Rauch auf­gehen», gibt Kas­ta­niel schon deut­lich kampf­geis­tiger zu verstehen.

Das letzte Wort und der erste Baum sind noch nicht ge­fallen; Kas­ta­rina und Kas­ta­niel haben ihre Hoff­nung noch nicht auf­ge­geben: So­lange die wilden Op­po­nenten den­Hir­schen­graben wei­terhin täg­lich mit ihrer An­we­sen­heit und un­ge­knicktem Op­ti­mismus be­glü­cken, so­lange haben auch sie eine Stimme…

Auf­ge­zeichnet und am 8. März 2021 auf Bund On­line von Mike C. publiziert.


 

 

 

 

 


Die letzte Chance

Die Vor­lage sei «al­ter­na­tivlos» be­haup­teten die Berner Stadt­be­hörden und die Be­für­wor­te­rInnen des «112-Mil­lio­nen­kre­dits Bahnhof Bern» un­er­müd­lich. Man habe alles sorg­fältig ge­prüft. Die ge­planten Mass­nahmen seien der ein­zige gang­bare Weg, es drohe an­sonsten ein Chaos am Bubenbergplatz.

Bei einer An­nahme des vor­lie­genden Pro­jekts droht aber vor allem eines: Das end­gül­tige Aus für eine Auf­wer­tung des Bu­ben­berg­platzes zu einem echten Bahn­hof­platz. Diese städ­te­bau­liche Op­tion wurde of­fenbar von den Be­hörden nie wirk­lich in Be­tracht gezogen…

Die Stadt­planer machten auf Mi­ni­ma­lismus. Eine un­sin­nige Tun­nel­ver­län­ge­rung aus dem Bahn­hof­un­ter­grund bis in den Hirschengraben.

Weil nie­mand im Ernst daran denken wollte, die ar­chi­tek­to­nisch arm­se­ligen Ge­schäfts­häuser Bu­ben­berg­platz 8–12 (1960er/70er-Jahre) aus dem Stadt­bild zu tilgen.

Der ab­surde Plan der SBB, die Hälfte des so­ge­nannten Bu­ben­berg­zen­trums, die ihr ge­hört, ab­zu­reissen und im glei­chen Stil wieder auf­zu­bauen, wurde bisher damit be­gründet, dass die Be­sitzer der an­deren Hälfte (Bu­ben­berg­zen­trum 8) nicht hätten ver­kaufen wollen. Eine er­fun­dene Be­haup­tung, wie wir seit heute wissen.

Fakt ist: Weder die SBB noch die Stadt haben den Be­sit­zern je ein Kauf­an­gebot gemacht!

Die bri­sante Ge­schichte ist im heu­tigen Bund nach­zu­lesen. Bern­hard Ott hat bei allen Be­tei­ligten re­cher­chiert. Unter dem Titel «Die ver­passte Stadt­re­pa­ratur» zeigt er auf, wie man­gel­haft die Zu­sam­men­ar­beit und Ver­hand­lungen zwi­schen SBB, Stadt und den Haus­be­sit­zern war. Kurzum: Hier wurden Ver­ant­wor­tungen nicht wahr­ge­nommen und städ­te­bau­liche Chancen für die Ge­stal­tung des Bahn­hof­aus­gangs WEST in den Wind geschlagen.

«Die ‘Bau­sünde‘ aus der Zeit der Hoch­kon­junktur avan­ciert zum neuen Bahn­hof­s­portal, wenn die Stimm­be­völ­ke­rung am Sonntag dem Kredit für die flan­kie­renden Mass­nahem zum neuen Bahn­hof­aus­gang zu­stimmt», schreibt Ott in seinem Artikel.

 


 

 

Schräge Bau­herren-Logik

Heute do­mi­nieren die Me­tall-Glas­fas­saden von zwei ge­sichts­losen Ge­schäfts­häu­sern aus der Hoch­kon­junk­tur­zeit den Bu­ben­berg­platz. Dem Bau des Bu­ben­berg­zen­trums wurde in den 1960er und 1970er Jahren eine ganze Häu­ser­zeile «mit herr­schaft­li­chen Woh­nungen und La­den­ge­schäften im Par­terre» ge­op­fert, wie der da­ma­lige Bund-Wirt­schafts­re­daktor Hans Gerber 1994 in einer Bund-Spe­zi­al­aus­gabe zum Bu­ben­berg­platz schreibt.

Aus heu­tiger Sicht, so Gerber, «wären diese Ju­gend­stil­häuser mit ihren Er­kern und Ba­lus­traden, die fast so ein­drucks­voll ge­wirkt haben mussten wie die stil­voll re­no­vierten Häuser am Fal­ken­platz in der Vor­deren Läng­gasse, nie ab­ge­bro­chen worden um mo­dernen Ge­schäfts­häu­sern in eher kon­ven­tio­nellem Stil, wie sie da­mals in allen Städten em­por­schossen, Platz zu ma­chen.»

Solche Fehl­ent­scheide, die über 60 Jahre zu­rück­liegen sowie die daraus her­vor­ge­gan­genen Bau­sünden, können nicht wie­der­gut­ge­macht werden. An­ge­zeigt wäre hin­gegen, dass man aus Feh­lern lernt – und ein nächstes Mal klüger handelt.

Leider ist das in der Stadt Bern, zu­min­dest in Bezug auf das Bu­ben­berg­zen­trum, nicht der Fall. Im Ge­gen­teil: Mit dem ge­planten Ab­riss und Wie­der­aufbau des jün­geren der beiden Ge­schäfts­häuser, wie­der­holt man alte Fehler – und ver­passt eine ein­ma­lige Chance, dem Bu­ben­berg­platz auf lange Sicht seine ehe­ma­lige iko­ni­sche Aus­strah­lung zu­rück­zu­geben. Zweimal den­selben Fehler zu be­gehen ist un­ver­zeih­lich, oder – wie die Römer schon wussten – des Teufels.

 

Was künftig am neuen Haupt­zu­gang zum zweit­grössten Bahnhof der Schweiz ge­plant ist, ent­spricht einer ziem­lich schrägen Bauherren-Logik:

2016 kauften die SBB die west­liche Hälfte des Bu­ben­berg­zen­trums. Es han­delt sich dabei um das jün­gere der beiden Ge­bäude, wel­ches 1975 von den Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaften La Su­isse und der Basler ge­baut wurde. Weil die SBB genau an dessen Stelle den neuen Bahnhof-Zu­gang planen, wollen sie nun das Ge­bäude ab­reissen und im glei­chen Stil wieder hoch­ziehen. Aus einem la­pi­daren Grund:

Die Kom­bi­na­tion von künf­tigem SBB-Bahn­hof­aus­gang im Unter- und Erd­ge­schoss des Ge­bäudes und städ­ti­schem Fuss­gän­ger­tunnel als Ver­län­ge­rung der un­ter­ir­di­schen Per­so­nen­füh­rung bis zum Hir­schen­graben, er­for­dert einen Neubau.

Die öst­liche, äl­tere Hälfte des Bu­ben­berg­zen­trums (Bau­jahr 1962) hin­gegen bleibt vor­läufig be­stehen. Dem Ver­nehmen nach wollten deren Ei­gen­tümer nicht ver­kaufen. Damit steht man heute vor einer un­glaub­lich ab­surden Si­tua­tion: Ei­gent­lich wäre eine Auf­wer­tung dieser zen­tralen Adresse mit dem neuen Bahn­hof­zu­gang drin­gend not­wendig – und im Be­reich des Mög­li­chen ge­wesen. Mit dem ge­planten Neubau hin­gegen wird diese Chance ver­spielt und ein Zu­stand ze­men­tiert, der künftig wieder neue Sach­zwänge schafft, statt Lö­sungen ermöglicht.

Den beiden un­at­trak­tiven Ge­schäfts­häu­sern des heu­tigen Bu­ben­berg­zen­trums wird eine Le­bens­dauer von rund 70 Jahren at­tes­tiert. Wenn nun das jün­gere Ge­bäude be­reits nach 45 Jahren ab­ge­rissen und städ­te­bau­lich der äl­teren Lie­gen­schaft an­ge­passt wird, was ist dann in 10 bis 20 Jahren zu er­warten, wenn die Le­bens­zeit des Bu­ben­berg­zen­trums-Ost abläuft?

Nach Berner Logik wohl er­neut ein Er­satz­neubau, an­ge­passt an das be­stehende  Nach­bar­ge­bäude, usw. usf.

 

 


 

 

Kein Durch­kommen am Hirschengraben

Von Seiten der Fuss­gän­ger­tunnel-Pro­mo­to­rInnen wird immer wieder be­hauptet, die Ver­bin­dungen zum ÖV-Netz im Hir­schen­graben würden ein­fa­cher und be­quemer mit dem städ­ti­schen ZBB-An­schluss­pro­jekt, weil man künftig tro­ckenen Fusses den Bu­ben­berg­platz un­ter­ir­disch queren und so bis in den Hir­schen­gra­ben­park ge­langen könne. Und um­ge­kehrt könne, wer von Süden her komme be­reits im Hir­schen­graben in den Bahnhof hinuntersteigen.

Wer die Ört­lich­keiten und das ÖV-An­gebot am Hir­schen­graben kennt, weiss je­doch: Einzig die Hal­te­sta­tion für die stadt­ein­wärts fah­renden Trams wären vom Tun­nel­aus­gang her di­rekt zu erreichen.

Für alle an­deren Ver­bin­dungen, das heisst, für sämt­liche Tram­kurse Rich­tung Süden und Westen, führt der Tunnel in eine Sack­gasse. Um diese Hal­te­stellen zu er­rei­chen, müsste man die Fahr­bahn queren, was im Osten für die stadt­ein­wärts fah­renden Busse noch ge­rade machbar wäre. Un­mög­lich ist die Si­tua­tion aber de­fi­nitiv für alle stadt­aus­wärts fah­renden Tramanschlüsse.

Wer im Hir­schen­graben aus dem Tunnel steigt (= die grosse Mehr­heit der an­kom­menden Pend­le­rInnen am Morgen), muss um ein Tram Rich­tung Weis­sen­bühl, Wa­bern, Brünnen, Büm­pliz oder Fi­scher­mät­teli zu er­rei­chen, die dop­pelten Tram­gleise im Westen des Platzes queren. Das ist schon heute ein prak­tisch un­mög­li­ches Un­ter­fangen: In beide Rich­tungen folgt hier näm­lich Tram auf Tram, so dass für Fuss­gän­ge­rInnen kaum ein Durch­kommen ist.

Zu­sätz­lich er­schwe­rend kommt beim «um­ge­stal­teten Hir­schen­graben» hinzu, dass die Rand­stein­kanten an den Hal­te­stellen neu 27cm hoch sein werden. Das ist zwar gut für den bar­rie­re­freien Ein­stieg ins Tram, er­weist sich aber fürs Queren der Hal­te­stellen als äus­serst mühsam, für Kin­der­wagen und geh­be­hin­derte Men­schen gar als unmöglich.

Kurzum: Der Hir­schen­gra­ben­tunnel wäre, schon nur durch seine Stre­cken­füh­rung, eine Tot­ge­burt. Es ist nicht nach­voll­ziehbar, wie Planer auf die Idee ge­kommen sind, «40 Pro­zent der Fuss­gän­ger­ströme» am Bu­ben­berg­platz ins Ab­seits zu lenken und zu glauben, dass die Pend­le­rInnen das nicht in kür­zester Zeit merken und die Un­ter­füh­rung daher meiden werden.

Wer den Bahnhof im Westen ver­lässt, sei es über die Welle oder den künf­tigen Aus­gang Bu­ben­berg­platz, quert den Platz über den Fuss­gän­ger­streifen. Da be­wegt man sich nicht nur am Ta­ges­licht, son­dern hat auch die Über­sicht und kann seine Schritte recht­zeitig in die ge­wollte Rich­tung lenken.

Wie in den letzten Tagen vom Ver­kehrs­planer Pierre Pes­ta­lozzi und wei­teren Fach­leuten nach­ge­wiesen wurde, kann das be­haup­tete Ka­pa­zi­täts­pro­blem mit der Re­duk­tion des Pri­vat­ver­kehrs um min­des­tens 50 Pro­zent und der Ver­brei­te­rung des Fuss­gän­ger­strei­fens nach­haltig ge­löst werden.

Die Un­ter­füh­rung in den Hir­schen­graben ist nicht nur un­nötig, son­dern führt die Fuss­gän­ge­rinnen und Fuss­gänger ins Nie­mands­land. Sie landen vom Bahnhof her auf einer Ver­kehrs­platt­form, von der sie von den im Mi­nu­ten­takt ein- und aus­fah­renden Trams aus­ge­bremst werden.… Das kann nicht sein.

Bern kanns besser!

 

 


 

 

Neu er­wachtes Interesse…

Der Hir­schen­graben – allzu oft in Eile durch­quert, kaum wahr­ge­nommen, ver­kannt und – wenn es nach den Plänen der Stadt­oberen geht – dem­nächst zur Ver­kehrs­insel degradiert…

Das sei falsch und kurz­sichtig, schreibt der Berner Ar­chi­tekt Arpad Boa in seinem klugen Plä­doyer für die Er­hal­tung des Hirschengrabens:

«Der ge­plante un­ter­ir­di­sche ZBB- und ZBBS-Bahn­hof­aus­gang beim Bu­ben­berg­zen­trum in Bern für 99 Mil­lionen Franken könnte 100 Meter kürzer sein – aus Pro­fit­gründen wird die Re­tail­un­ter­füh­rung bis fast zum Trot­toir­rand des Bu­ben­berg­platzes ge­zogen: Der Kanton zahlt, die Sparte Im­mo­bi­lien der SBB kas­siert, die Ber­ne­rInnen und die ÖV-Nut­ze­rInnen sollen die ver­sal­zene stadt­räum­liche Suppe auslöffeln. (…)

Was heute den be­rech­tigten Wi­der­stand der Ber­ne­rInnen und der Ar­chi­tek­ten­ver­bände auf den Plan ruft, ist ein feines, frisch er­wachtes Ge­spür für das Wesen und den Wert der Hir­schen­gra­ben­an­lage als klas­si­scher Bou­le­vard und als Ru­he­oase im be­trieb­samen Bahn­hof­pe­ri­meter. Es geht – stark ver­ein­facht – um einen Nut­zungs­streit, um den öf­fent­li­chen Raum an­läss­lich der ge­planten Durch­kom­mer­zia­li­sie­rung des ÖV-Kno­tens, die jede Rück­sicht oder gar In­ves­ti­tion in ein Ar­rivée in Bern ver­missen lässt.…»

WEI­TER­LESEN

 

 


 

 

 

 


 

 

Mit dem ÖV ins Abseits

Au­to­bahnen sind schlecht, ÖV und Velo sind gut. Des­halb muss man ers­tere be­kämpfen, wäh­rend der öf­fent­liche Ver­kehr und die An­ge­bote für Ve­lo­fah­rende zu för­dern sind – koste es, was es wolle. Mit­unter sogar das Um­sägen von 25 Bäumen im Welt­kul­tur­erbe-Sektor der Stadt Bern.… Dieses allzu ein­fache Welt­bild prägt ak­tuell die RGM-Ver­kehrs­po­litik in Bern.

Er­schre­ckend, mit wel­cher Stur­heit viele Grüne ge­gen­wärtig ein un­nö­tiges und zer­stö­re­ri­sches Be­ton­pro­jekt ver­tei­digen, dem eine ganze Allee statt­li­cher Kas­ta­ni­en­bäume ge­op­fert werden soll. Man­gels stich­hal­tiger Ar­gu­mente pre­digen sie dabei man­tra­haft den wei­teren Ausbau des öf­fent­li­chen Ver­kehrs und pro­phe­zeien ziem­lich fak­ten­fern einen Pend­lerts­u­nami, wenn der­einst SBB und RBS den Bahnhof aus­ge­baut haben werden. Als ob mit einem Be­ton­tunnel und der Ab­hol­zung von Stadt­bäumen die grosse Ver­kehrs­wende zu be­werk­stel­ligen wäre…

Aus­ge­rechnet die Grünen, die einst an­ge­treten sind, für Um­welt, Natur und Nach­hal­tig­keit zu kämpfen, ver­tei­digen diesen Un­sinn. Ver­gessen die Be­deu­tung von Bio­di­ver­sität und Öko­logie, auch in der ei­genen Stadt. Ver­gessen der Ruf nach um­welt­ver­träg­li­cher Ent­wick­lung und Nachhaltigkeit.

Weil es sich beim Ausbau des Berner Bahn­hofs und dem in diesem Rahmen ge­planten zu­sätz­li­chen Fuss­gän­ge­rIn­nen­tunnel um ein ÖV-Pro­jekt han­delt, nickt Grün ab, winkt durch. Kri­ti­sche Fragen und Ein­wände un­er­wünscht, für die ver­ur­teilten Bäume gibt’s höchs­tens ein paar Kro­ko­dils­tränen. Mit dem ÖV ins Pa­ra­dies – also Augen zu und durch.

Ent­täu­schend, wie sich Po­li­ti­ke­rinnen und Po­li­tiker, die Auf­bruch, En­ga­ge­ment und Er­neue­rungen ver­spro­chen haben, hinter vor­ge­scho­benen Sach­zwängen ver­ste­cken und den Ar­gu­menten und Al­ter­na­tiv­vor­schlägen aus­ge­wie­sener Fach­leute aus­wei­chen. Dis­kus­sion? Fehl­alarm. Die un­aus­ge­go­rene Kredit-Vor­lage wird bis zum Geh­t­nicht­mehr schön­ge­redet. Wer immer noch Ein­wände hat, wird darauf hin­ge­wiesen, sich doch besser für die Ver­hin­de­rung einer 6spurigen A1 oder ein Mo­ra­to­rium für Au­to­bahn­aus­bauten ein­zu­setzen. Punktschluss.

So nicht, liebe Grüne. Zum Glück seid ihr nicht die ein­zige Partei in der Stadt, die Grün in ihrem Namen trägt. Die kleine Grün­al­ter­na­tive Partei hat in Sa­chen Hir­schen­graben von An­fang an Farbe be­kannt und sich für den Schutz der Bäume en­ga­giert und im Ko­mitee «Rettet den Hir­schen­graben» an der Er­ar­bei­tung von Al­ter­na­tiven mitgewirkt.

Die an­dere Schwes­ter­partei, die Grüne Freie Liste wie­derum, haben eben­falls Stärke ge­zeigt: Mit einem klaren Aufruf zum «kon­struk­tiven Nein» hatte sich eine Mehr­heit der Mit­glieder dafür ein­ge­setzt, den Fuss­gän­ger­tunnel und die Baum­fäll­ak­tion am Hir­schen­graben mit einem NEIN in der Ab­stim­mung vom 7. März zu verhindern.

Nur bei den «grossen» Grünen blät­tert langsam die Farbe ab. Schade.

 

 

 


 

 

Über­holte Prognosen

«Mo­dell­rech­nungen zu­folge werden in der Abend­spitze künftig über 16’000 Per­sonen pro Stunde den Bu­ben­berg­platz über­queren», heisst es in der Ab­stim­mungs­bot­schaft zum 112-Mil­lio­nen­kredit, über den Ber­ne­rinnen und Berner am 7. März ab­stimmen werden. Des­halb brauche es zwin­gend eine un­ter­ir­di­sche Er­wei­te­rung beim künf­tigen Bahn­hof­aus­gang Bu­ben­berg­platz, sonst gebe es ober­ir­disch «kein Durch­kommen mehr», tönt es von Seiten der Be­für­wor­te­rInnen dieser Vor­lage. Oder in Worten des Stadt­prä­si­denten: «Ein Puff». 

Diese Be­haup­tung ist reine Panikmache:

Die ge­nannten über 16’000 Per­sonen pro Stunde würden – wenn über­haupt – nur wäh­rend we­nigen Mi­nuten Stoss­ver­kehr pro Tag er­reicht. An­sonsten war und ist es am Bu­ben­berg­platz ruhig bis sehr ruhig – das wird sich auch in Zu­kunft nicht we­sent­lich än­dern. Daher wäre der Bau des ge­planten Per­so­nen­tun­nels fi­nan­ziell völlig un­ver­hält­nis­mässig und eine reine Geldverschwendung.

Die An­nahmen, auf denen die Mo­delle ba­sieren, sind oh­nehin Ma­ku­latur ge­worden. Die seit März 2020 in­folge des Lock­downs ver­siegten Pend­ler­ströme er­reichten seither nicht einmal an­satz­weise frü­here Werte. Die Sta­tistik lässt Wachs­tums­pro­pheten er­blei­chen. Die er­ho­benen Zahlen zum öf­fent­li­chen Ver­kehr könnten deut­li­cher nicht sein: Im vierten Quartal 2020 wurden in der Schweiz ins­ge­samt 44 Pro­zent we­niger Per­so­nen­ki­lo­meter im ÖV zu­rück­ge­legt als im Jahr zuvor.

Be­son­ders stark be­troffen ist der Fern­ver­kehr: Die SBB be­klagten einen Rück­gang von 50 Pro­zent, der Re­gio­nal­ver­kehr schrumpfte um 40 Prozent.

Fest steht: Das ist kein mo­men­taner Trend. Mit der zu­neh­menden Eta­blie­rung von Ho­me­of­fice und dem letzte Woche vom Bun­desrat be­schlos­senen er­neuten An­lauf zur Ein­füh­rung von Mo­bi­lity Pri­cing, sind die für den Bahnhof Bern in Vor-Co­rona-Zeiten be­rech­neten Wachs­tums­zahlen de­fi­nitiv un­brauchbar geworden.

Dies bietet die Chance, den über­flüssig ge­wor­denen Fuss­gän­ger­tunnel zum Hir­schen­graben er­satzlos zu strei­chen. Weil es diesen als Not­ventil pro­pa­gierten un­ter­ir­di­schen Über­lauf­kanal schlicht und ein­fach nicht braucht.

Schade, dass Po­li­ti­ke­rinnen und Po­li­tiker das nicht be­greifen wollen. Statt­dessen halten sie am Nar­rativ des un­wei­ger­lich dro­henden Ver­kehrs­kol­lapses fest – und wollen den Tunnel in­klu­sive Kahl­schlag am Hir­schen­graben auf Teufel komm raus durchstieren.

Würden die Stadt­oberen red­lich kom­mu­ni­zieren, müssten sie ihre Ver­kehrs­pro­gnosen nach unten kor­ri­gieren. Nicht nur jene, welche die Bahn­pas­sa­giere be­treffen. Dem Tun­nel­pro­jekt liegen auch enorme Wachs­tums­pro­gnosen für den Auto‑, Velo- und öf­fent­li­chen Ver­kehr zu­grunde, die für die Nach-Co­rona-Zeit eben­falls an­ge­passt werden müssten.

Immer grösser, immer teurer, immer mehr, haben aus­ge­dient. Diese Er­kenntnis ist die Vor­aus­set­zung für die von der rot-grünen Stadt­re­gie­rung so oft ge­prie­sene nach­hal­tige Ent­wick­lung. Nur so kann die Stadt Bern ihre ehr­gei­zigen Kli­ma­ziele auch tat­säch­lich erreichen.

 

 


 

 

Keine Chance für eine Ve­lo­sta­tion am Hirschengraben

Die Eid­ge­nös­si­schen Kom­mis­sion für Denk­mal­pflege schreibt in ihrem Gut­achten vom Sep­tember 2018 Klartext:

«Die EKD empfiehlt,

●  auf eine voll­stän­dige wie auch auf eine teil­weise Un­ter­bauung im Pe­ri­meter ‘Hir­schen­graben’ zu verzichten;
●  die Be­pflan­zung ist zu erhalten.
●  Baum­pfle­ge­risch not­wen­dige Er­satz­pflan­zungen sind ge­mäss dem his­to­ri­schen Be­stand vorzunehmen.»

 

Damit ist die von der Stadt ge­plante Mega-Ve­lo­sta­tion unter dem Hir­schen­graben-Platz vom Tisch. Würde man denken. Ebenso der Per­so­nen­tunnel, denn dieser würde mitten auf einer leer­ge­räumten Ver­kehrs­platt­form enden. Fuss­gän­ge­rInnen müssten zwin­gend – in welche Rich­tung auch immer – die stark fre­quen­tierten Tram- und Bus­fahr­bahnen über­queren. Beim Um­steigen auf Bus oder Tram ebenso. Kurzum: Der Tunnel würde bei der Um­set­zung der heu­tigen Pla­nung in eine ve­ri­table Sack­gasse führen. Kurze Wege sehen an­ders aus.

Sinn ma­chen würde der Tunnel einzig und al­lein in Kom­bi­na­tion mit der Ve­lo­sta­tion unter dem Hir­schen­gra­ben­park. Diese war denn auch Teil des Mit­wir­kungs­ver­fah­rens von 2019. Aus der ak­tu­ellen Kre­dit­vor­lage wurde sie nun aus­ge­klam­mert. Aus tak­ti­schen Gründen, darf ver­mutet werden: Noch steht näm­lich das klare Ver­dikt der EKD dem Ve­lo­par­king im Weg. Zudem hätten die In­ves­ti­ti­ons­kosten für eine zwei­ge­schos­sige Ve­lo­sta­tion den ak­tuell be­an­tragten Kredit um min­des­tens 50 Mil­lionen auf über 160 Mil­lionen CHF verteuert.

Würden die Stimm­bür­ge­rinnen und Stimm­bürger am 7. März je­doch den von der Stadt be­an­tragten 112-Mil­lio­nen­kredit durch­winken, wären damit schon mal der Zu­gang zur Ve­lo­sta­tion (Fuss­gän­ge­rIn­nen­tunnel) und ihr De­ckel (Ab­räumen und Um­ge­stal­tung des ge­samten Hir­schen­gra­bens) vor­fi­nan­ziert. Und ein fait ac­compli geschaffen.

Mit diesem dreisten Vor­gehen soll das Pro­jekt schliess­lich durch­ge­setzt werden, ob­schon es in krassem Wi­der­spruch zu allen Emp­feh­lungen der Denk­mal­pflege sowie zahl­rei­cher Fach­leute, die sich seit Jahren kri­tisch zu diesem Vor­haben äus­sern, steht. Der Ge­mein­derat scheint nicht nur die zer­stö­re­ri­sche Un­ter­füh­rung, son­dern auch das um­strit­tene Ve­lo­par­king auf Teufel komm raus durch­boxen zu wollen, wie etwa dem ge­mein­de­rät­li­chen Vor­trag an den Stadtrat be­tref­fend Aus­füh­rungs­kredit zu ent­nehmen ist:

«Die Op­tion einer un­ter­ir­di­schen Ve­lo­sta­tion im Hir­schen­graben (Bau­stein 2+) wurde zwar durchaus kri­tisch be­trachtet, aber unter der Be­din­gung, dass keine gleich­wer­tige Al­ter­na­tive be­steht, mehr­heit­lich ak­zep­tiert. (…). Aus Sicht der fe­der­füh­renden Di­rek­tion für Tiefbau, Ver­kehr und Stadt­grün (TVS) sind Op­ti­mie­rungen mög­lich, welche den Vor­be­halten der EKD Rech­nung tragen sollten.»

Fakt ist: Bisher sind keine der­ar­tigen «Op­ti­mie­rungen» bekannt.

 

Span­nende Lektüre:

Das um­fas­sende Gut­achten der EKD vom 27. Sep­tember 2018 – lesenswert!

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