DAS PRO­BLEM

Pro­fit­denken und Ver­kehrs­mass­nahmen statt Städtebau

Am 7.März 2021  haben die Stadt­berner Stimm­be­rech­tigten eine wich­tige Wei­chen­stel­lung ver­passt. Die Ge­stal­tung des Bahn­hof­aus­gangs West und der ur­banen Oase am Hir­schen­graben soll nach den Plänen der Stadt­re­gie­rung er­folgen. Der Berner Ar­chi­tekt Arpad Boa fasst in seinem Plä­doyer die wich­tigsten städ­te­bau­li­chen Fra­ge­stel­lungen und die Ver­säum­nisse der letzten Jahre zusammen:

Der ge­plante un­ter­ir­di­sche ZBB- und ZBBS-Bahn­hof­aus­gang beim Bu­ben­berg­zen­trum in Bern für 99 Mil­lionen Franken könnte 100 Meter kürzer sein – aus Pro­fit­gründen wird die Re­tail­un­ter­füh­rung bis fast zum Trot­toir­rand des Bu­ben­berg­platzes ge­zogen: Der Kanton zahlt, die Sparte Im­mo­bi­lien der SBB kas­siert, die Ber­ne­rInnen und die ÖV-Nut­ze­rInnen sollen die ver­sal­zene stadt­räum­liche Suppe auslöffeln.

Statt dass sich Städ­te­baue­rInnen der kom­plexen Ver­hält­nisse zwi­schen Stadt und Bahnhof in Bern an­nehmen dürfen, sind das städ­ti­sche Tief­bauamt und Bern­Mobil am Werk. Selbst­re­dend werden sie der Be­deu­tung der städ­te­bau­li­chen Fra­ge­stel­lung nicht ge­recht. Der­weil ver­sinkt das Stadt­pla­nungsamt unter der Ver­ant­wor­tung eines vi­si­ons­losen Stadt­prä­si­denten in der Be­deu­tungs­lo­sig­keit. So wurde ein Be­richt zur stra­te­gi­schen Stadt­pla­nung am Bahnhof kürz­lich erst unter mas­sivem Druck der Öf­fent­lich­keit und mitten in der Ab­stim­mungs­de­batte on­line ge­stellt. Vor­gängig hatte der Ge­mein­derat die Emp­feh­lung der von ihm selber ein­ge­setzten ex­ternen Ex­per­ten­gruppe ent­fernt, die drin­gend eine Ge­samt­be­trach­tung und einen städ­te­bau­li­chen Wett­be­werb für den ge­samten Bahn­hof­pe­ri­meter als Grund­lage für die wei­tere Pla­nung ge­for­dert hatte. Genau dies for­dern nun auch die Fach­ver­bände SIA, BSA, SWB und FSIA.

An­ge­sichts der be­vor­ste­henden Ab­stim­mung treten die Ver­säum­nisse der letzten 12 Jahre bei der un­ge­lösten Frage des neuen Bahn­hof­zu­gangs Bu­ben­berg nun offen zu­tage. Den Stimm­be­rech­tigten wird am 7.3.2021 einmal mehr ein loses Bündel iso­lierter Ver­kehrs­mass­nahmen, statt ein städ­te­bau­li­cher Wurf vor­ge­legt. Dabei wurde aus tak­ti­schen Gründen eine Fuss­gän­ger­un­ter­füh­rung aus dem Bahnhof ins Paket ge­schleust, die ver­kehrs­tech­nisch zwar über­flüssig ist, dem Ge­mein­derat aber als Vor­leis­tung an einen Mons­ter­bau­kredit für eine ge­plante un­ter­ir­di­sche Mega-Ve­lo­ein­stell­halle für 3000 Fahr­zeuge unter der ge­schützten his­to­ri­schen Hir­schen­graben-Grün­an­lage sinn­voll er­schien. Da der Bau dieser teuren An­lage an der Urne nie­mals mehr­heits­fähig wäre, wurde nun be­reits un­ge­fähr die Hälfte der vor­aus­sicht­li­chen Bau­kosten von 70 Mil­lionen Fran­kenin die ak­tu­elle Ab­stim­mung vor­ver­legt: Die Per­so­nen­un­ter­füh­rung ist nichts an­deres als der künf­tige Bahn­hof­zu­gang zum Ve­lo­par­king – eben­falls im vor­lie­genden Kredit in der Höhe von 36 Mil­lionen ent­halten sind zudem die ge­samten Kosten der Vor­be­rei­tungs- und Ab­schluss­ar­beiten (Ro­dung der Hir­schen­graben-An­lage, De­mon­tage des Denk­mals von Adrian von Bu­ben­berg sowie Neu­kon­zep­tion als Pend­ler­trot­toir und Tramhaltestelle).

Dabei ist die Sach­lage klar: Ein Gut­achten der Eid­ge­nös­si­schen Kom­mis­sion für Denk­mal­pflege ver­bietet jeg­liche Ein­griffe in die lokal (Bau­in­ventar der Stadt), na­tional (ISOS) und in­ter­na­tional (UNESCO-Kul­tur­erbe) ge­schützte Hir­schen­gra­ben­an­lage. Pro Velohaken/​Abstellplatz würden Kosten von über 20’000.- Franken ent­stehen, was schweiz­weit einen neuen Re­kord dar­stellen dürfte. Das aus der Zeit ge­fal­lene Pro­jekt müsste wohl mit frag­li­cher Ak­zep­tanz und Aus­las­tung kämpfen, da das un­tere Park­deck sich in 10 Meter Tiefe be­finden würde und zu weit von den Ge­leisen ent­fernt wäre.

Was heute den be­rech­tigten Wi­der­stand der Ber­ne­rInnen und der Ar­chi­tek­ten­ver­bände auf den Plan ruft, ist ein feines, frisch er­wachtes Ge­spür für das Wesen und den Wert der Hir­schen­gra­ben­an­lage als klas­si­schem Bou­le­vard und als Ru­he­oase im be­trieb­samen Bahn­hof­pe­ri­meter. Es geht – stark ver­ein­facht – um einen Nut­zungs­streit, um den öf­fent­li­chen Raum an­läss­lich der ge­planten Durch­kom­mer­zia­li­sie­rung des ÖV-Kno­tens, die jede Rück­sicht oder gar In­ves­ti­tion in ein Ar­rivée in Bern ver­missen lässt. Von einer glas­über­dachten Emp­fangs­halle zum Bei­spiel, wie sie als funk­tional drin­gend nö­tiges Bin­de­glied zwi­schen un­ter­ir­di­schem Bahnhof und Stadt nötig und an der Bo­gen­schüt­zen­strasse mög­lich wäre, findet sich in den Plänen keine Spur.

Die un­kluge At­tacke auf den in­takten wert­vollen Grün­raum mitten in der Stadt wird ver­kehrs­tech­nisch und per­so­nen­hy­drau­lisch be­gründet, ob­wohl eine ober­ir­di­sche Al­ter­na­tive zum Be­trieb der Bu­ben­berg­kreu­zung mit breitem Fuss­gän­ger­streifen vor­liegt, die 35 Mil­lionen Franken güns­tiger wäre.

Die Be­für­worter dieses Pro­jekts nehmen dabei in Kauf, dass sich der Hir­schen­graben mit dem Roll­trep­pen­ab­gang zur Bahn­hofs­un­ter­füh­rung in eine cleane, glatt­po­lierte Pend­ler­platt­form ver­wan­deln würde und ins­künftig den Status einer funk­tional leider falsch kon­zi­pierten Durch­lauf­zone hätte: Die­je­nigen Nut­ze­rInnen, welche sich nach hun­dert Me­tern zu viel im Un­ter­grund zu­rück­ge­legter Bahn­hof­un­ter­füh­rung auf dieser über­di­men­sio­nierten „Ver­kehrs­insel“ wie­der­finden, müssen schauen, wie sie wei­ter­kommen. All jenen, die nicht ins Tram stadt­ein­wärts steigen, wird nichts an­deres üb­rig­bleiben, als den all­seitig von Ver­kehrs­raum um­ge­benen, räum­lich auf 600 m² be­schränkten Ort über ge­fähr­liche Ge­gen­ver­kehrs­flä­chen (Ve­lohaupt­route und Doppel-Tramt­rassee) wieder zu verlassen.

Den meisten Stimm­be­rech­tigten sind al­ler­dings in den letzten Wo­chen an­ge­regter öf­fent­li­cher Städ­te­bau­de­batte nach und nach – in­tuitiv oder mit­tels Ana­lyse – die ei­gent­liche Funk­ti­ons­weise und Auf­gabe des Stadt­raums Hir­schen­graben im ur­banen Ge­webe der Stadt be­wusst geworden.

An struk­tu­reller Klar­heit ist der in den 1860er Jahren als klas­si­scher Bou­le­vard über dem Graben der letzten ba­ro­cken Stadt­be­fes­ti­gung ent­stan­dene Ort näm­lich kaum zu über­treffen: Aus­sen­herum quirlig und be­triebsam, in seiner Mitte ru­hend und zur Er­ho­lung ein­la­dend. Die per­fekt ge­le­gene Oase lädt mit alten Kas­ta­ni­en­bäumen zum Ver­weilen ein und ist darum heute schon ein be­liebter Treff­punkt und Ort für Pausen. Darin hat er eine Ver­wandt­schaft mit dem be­rühm­testen „Wohn­zimmer“ der Stadt, der Müns­ter­platt­form. Nur steckt die Hir­schen­gra­ben­an­lage mitten im Bahn­hof­pe­ri­meter und bietet darum eine fürs mit­tel­grosse Bern un­ge­wohnte ur­bane Span­nung und Ge­gen­sätz­lich­keit. Hier am Hir­schen­graben haben wir sie, und brau­chen sie in Zu­kunft noch ver­mehrt. Und darum sollte das ein­zig­ar­tige Po­ten­tial dieser An­lage auch in Zu­kunft er­halten bleiben…

 

 

 


 

Murks am Hirschengraben

Am 7. März 2021 stimmten die  Stadt­ber­ne­rinnen und ‑berner über einen 112-Mil­lio­nen­kredit für die not­wen­digen An­pas­sungen des städ­ti­schen Ver­kehrs­sys­tems an die An­for­de­rungen des neuen Bahn­hofs ab.

Hinter diesem langen harm­losen Titel ver­birgt sich ein Paket von bau­li­chen Ein­griffen in den Stadt­körper um den Bahnhof herum. Bri­sant ist dabei nicht nur die Höhe des be­an­tragten Kre­dits, son­dern die Tat­sache, dass rund ein Drittel des Geldes für ein Pro­jekt ver­an­schlagt wird, das un­aus­ge­goren und völlig aus der Zeit ge­fallen ist: Beim ge­planten Bahn­hof­zu­gang Bu­ben­berg­platz sollen Fuss­gän­ge­rinnen und Fuss­gänger unter dem Stadt­boden ver­schwinden und durch einen schmalen Tunnel bis in den Hir­schen­graben ge­führt werden.

Diese Mass­nahme – in der Stadt­rats­vor­lage zum Ge­samt­pro­jekt als Bau­stein 2 auf­ge­führt – ba­siert auf Mo­dell­be­rech­nungen, wo­nach künftig in der Abend­spitze über 16’000 Per­sonen pro Stunde den Bu­ben­berg­platz queren werden. Des­halb brauche es zur Be­wäl­ti­gung der Pas­san­ten­ströme, so die Ar­gu­men­ta­tion der Stadt­oberen, eine un­ter­ir­di­sche Personenpassage.

Ein Rück­fall in die 1960er Jahre. Schlicht un­sinnig, da auf­grund der Be­rech­nungen wei­terhin 65 Pro­zent der Pas­san­tinnen und Pas­santen den Bu­ben­berg­platz über den Fuss­gän­ger­streifen queren würden – und un­nötig, weil laut Pla­nungs­vor­lage der mo­to­ri­sierte Ver­kehr auf der Achse Bu­ben­berg­platz-Bahn­hof­platz-Boll­werk bis 2025 so­wieso um 60 Pro­zent re­du­ziert und das Tempo auf 30 km/​h be­schränkt werden soll.

 

Der rund 60 Meter lange und Fuss­gän­ger­tunnel käme genau dort aus dem Boden, wo heute das Bu­ben­berg-Denkmal steht. Dieses soll des­halb in die Mitte des Platzes ver­setzt und der ge­samte Hir­schen­graben ra­dikal um­ge­staltet werden.

Die alten ge­schützten Kas­ta­ni­en­bäume würden ge­fällt und durch junge Linden er­setzt; an­stelle des ak­tu­ellen was­ser­durch­läs­sigen Kies­be­lags ist die Pfläs­te­rung des ge­samten Platzes vor­ge­sehen – Mass­nahmen, die – wie man ei­gent­lich weiss – dem Stadt­klima schaden.

An­ge­dacht ist zudem die Er­rich­tung einer un­ter­ir­di­schen Ve­lo­sta­tion unter dem Hir­schen­graben. Diese ist al­ler­dings äus­serst um­stritten. Vor­be­halte an­ge­meldet hat auch der Denk­mal­schutz, da unter dem Platz Über­reste der alten Stadt­be­fes­ti­gung ver­mutet werden. Zudem müsste mit dem Wid­mann-Brunnen ein wei­teres Bau­denkmal wei­chen, da die Pla­nung genau an dessen Stelle den Zu­gang zur Ve­lo­sta­tion vor­sieht. Dieses Pro­jekt ist je­doch im vor­lie­genden Kredit nicht ent­halten und käme zu einem spä­teren Zeit­punkt se­parat zur Abstimmung.

Auch sonst ist sehr vieles un­klar und im Fluss. Frag­lich ist etwa, ob die «Pas­san­ten­ströme» rund um den Bahnhof Bern tat­säch­lich so stark zu­nehmen werden, wie auf­grund von Be­rech­nungen aus der Vor-Co­rona-Zeit pro­gnos­ti­ziert wird.

Nach wie vor gibt es auch die Vi­sion eines ver­kehrs­be­freiten Bahnhof- und Bu­ben­berg­platzes. Ge­plant ist zudem, das Bu­ben­berg-Denkmal der­einst – nach der Um­ge­stal­tung des Bu­ben­berg­platzes 2035 – wieder an seinen ur­sprüng­li­chen Stand­platz vor dem Bur­ger­spital zurückzuversetzen…

Fakt ist: Der ge­plante Fuss­gän­ger­tunnel passt ganz und gar nicht zu solch weit­sich­tigen Über­le­gungen. Viel­mehr ze­men­tiert er eine Ver­kehrs­füh­rung, die schon bald über­holt ist, spä­tes­tens wenn der Bu­ben­berg­platz au­to­frei sein wird. Wer wird dann noch frei­willig ins Loch hin­un­ter­steigen wollen? Es darf nicht sein, dass die für Bau­stein 2 bud­ge­tierten rund 36 Mil­lionen buch­stäb­lich in ein un­ter­ir­di­sches Pro­jekt, ver­locht werden.

Des­halb plä­dierten wir drin­gend für die Ab­leh­nung der Ab­stim­mungs­vor­lage «Zu­kunft Bahnhof Bern».

 

 

 

 

 

 

 


 

 

 

Fach­ver­bände klar gegen Hirschengrabentunnel

Im Vor­feld der Ab­stim­mungs­termin für den 112-Mil­lio­nen­kredit in der Stadt Bern ver­öf­fent­lichten wich­tige Fach­ver­bände ihre Kritik an der un­aus­ge­go­renen Vor­lage. Be­stritten war und ist vor allem der ge­plante Fuss­gän­ger­tunnel unter dem Bu­ben­berg­platz und die damit ver­bun­dene Zer­stö­rung des Hir­schen­gra­bens, ins­be­son­dere auch die Ab­hol­zung der schat­ten­spen­denden, ge­sunden Kastanienbäume.

War es an­fäng­lich eine kleine Gruppe von Fach­leuten und Po­li­ti­ke­rInnen, so ge­wann die Be­we­gung Tag für Tag an Kraft: Sämt­liche Fach­ver­bände aus Bau- und Denk­mal­schutz stellten sich gegen die Vor­lage und warben im Ko­mitee «Rettet den Hir­schen­graben!» für ein NEIN am 7. März.

Dazu ge­hörten nebst dem Berner Hei­mat­schutz unter an­deren auch der Bund Schweizer Ar­chi­tekten, die Ge­sell­schaft für Stadt- und Land­schafts­ent­wick­lung Bern, der Schwei­ze­ri­sche Werk­bund, Orts­gruppe Bern sowie die Sek­tion Bern des mäch­tigen Schwei­ze­ri­schen In­ge­nieur- und Ar­chi­tek­ten­ver­eins SIA.

 

 


 

 

Ve­lo­sta­tion unter dem Hirschengraben?

Der Schluss liegt nahe: Da bisher kein an­derer plau­si­bler Grund ge­nannt wird, wes­halb der Hir­schen­graben um­ge­baut werden sollte, rückt jetzt die un­ter­ir­di­sche Ve­lo­sta­tion als Recht­fer­ti­gung für die Zer­stö­rung des be­stehenden Parks in den Fokus.

Die Ve­lo­sta­tion wurde ex­plizit aus der ak­tu­ellen Ab­stim­mungs­vor­lage aus­ge­klam­mert, weil be­kannt­lich die Eid­ge­nös­si­sche Kom­mis­sion für Denk­mal­pflege ihr ge­wich­tiges Veto ein­ge­legt hat. Das Tief­bauamt und die Berner Stadt­re­gie­rung wollen sich damit nicht ab­finden. Im Vor­trag des Ge­mein­de­rats an den Stadtrat vom 16. Sep­tember 2020 wird die «Ve­lo­sta­tion Hir­schen­graben» über 20 Mal erwähnt.

Die Rede ist von «zur­zeit lau­fenden Dis­kus­sionen mit dem Bun­desamt für Kultur und der Eid­ge­nös­si­schen Kom­mis­sion für Denk­mal­pflege (EKD), um mit einer «Op­ti­mie­rung der vor­lie­genden Pläne zur Ve­lo­sta­tion Hir­schen­graben zu einem be­wil­li­gungs­fä­higen Pro­jekt zu führen.» – Dieses soll an­schlies­send in einer se­pa­raten Kre­dit­vor­lage zur Ab­stim­mung kommen.

Wer die Un­ter­lagen auf­merksam liest, ein­schliess­lich dem vom Tief­bauamt in Auf­trag ge­ge­benen Stra­te­gie­pa­pier zu den Ve­l­o­ab­stell­plätzen im Bahn­hof­um­feld, be­greift schnell: Die ge­plante Ve­lo­sta­tion unter dem Hir­schen­gra­ben­park wird vom Tief­bauamt nicht nur fa­vo­ri­siert, viel­mehr scheint sie für dessen Pla­ne­rInnen und die po­li­tisch Ver­ant­wort­li­chen die ein­zige ernst­haft in Be­tracht zu zie­hende Op­tion für den Bau zu­sätz­li­cher Ve­lo­park­plätze im Bahn­hof­sektor Süd-West darzustellen.

Dies, ob­schon es al­ter­na­tive Mög­lich­keiten gibt, um Ve­lo­park­raum in Bahn­hofs­nähe zu schaffen, ohne dass damit ar­chäo­lo­gi­sche Schätze zer­stört und his­to­ri­sche Stadt­an­lagen be­schä­digt werden müssten. Platz gäbe es zur Ge­nüge: in der un­ter­ir­di­schen Mi­gros-Fi­liale, im be­stehenden, still­ge­legten Fuss­gän­ge­rIn­nen­tunnel oder in ehe­ma­ligen Kinosälen.

Damit hätte man zwar keine zen­trale Mega-Sta­tion mit 3000 Ab­stell­plätzen, dafür würden be­reits be­stehende In­fra­struk­turen um­ge­nutzt und man müsste keinen teuren Hohl­raum in die denk­mal­ge­schützte Stadt­an­lage graben.

Denn die Ve­lo­park­plätze im ge­planten dop­pel­stö­ckigen Park­haus unter dem Hir­schen­gra­ben­park hätten einen stolzen Preis:

Rechnet man die im ak­tu­ellen 112-Mil­lio­nen­kredit ent­hal­tenen «Vor­leis­tungen» von 36 Mil­lionen für die Platz­räu­mung und «Um­ge­stal­tung» sowie den Bahn­hof­zu­gang zur Ve­lo­sta­tion mit deren Er­stel­lungs­kosten von schät­zungs­weise 40 Mil­lionen zu­sammen, er­gibt dies Ge­samt­kosten von 76 Mil­lionen Franken.

Ge­teilt durch 3000 Plätze macht das CHF 25’000 pro Velo-Platz.

Ein Re­kord­preis! Der Bau der Ve­lo­sta­tion Post­Parc etwa kos­tete ins­ge­samt CHF 2 Mil­lionen, pro Platz kommt man dort auf In­ves­ti­ti­ons­kosten in der Höhe von CHF 2’000. Das al­leine zeigt den Ver­hält­nis­blöd­sinn auf. Kommt hinzu, dass die Post­Parc-Sta­tion, in op­ti­maler Lage bei den Ge­leisen, längst nicht aus­ge­lastet ist.

Des­halb stellt sich die Frage: Macht es über­haupt Sinn, Ve­lo­park­plätze weit ent­fernt von den Per­rons zu bauen? Müsste man nicht viel­mehr Räume prä­fe­rieren, die mög­lichst nahe an den Per­rons liegen? So könnte etwa die Ve­lo­sta­tion im Post­Parc mit einem di­rekten Zu­gang zum neuen Bahn­hof­durch­gang aus­ge­baut und das Au­to­par­king im 2. UG für Velos um­ge­nutzt werden.

Damit würde man gleich meh­rere Fliegen auf einen Schlag treffen: Der Hir­schen­graben und sein ar­chäo­lo­gisch be­deu­tungs­voller Un­ter­grund blieben un­ver­sehrt, die Er­stel­lungs­kosten wären weit güns­tiger und vor allem: Für die Nut­ze­rinnen und Nutzer würde ein An­gebot ge­schaffen, das auch gut ge­nutzt wird, weil es kurze Wege ermöglicht.

 

©Bild:satzpunkt/Google Earth

 

 

 


 

Quelle: EKD-Gut­achten

 


 

 

 

«Bern ris­kiert eine Protestbewegung»

Rai­mund Ro­de­wald, Ge­schäfts­leiter der Stif­tung Land­schafts­schutz Schweiz, un­ter­stützt die Be­we­gung «Bern kanns besser»! In seinem Le­ser­brief im Bund vom 18. Ja­nuar 2021 geht er mit der ak­tu­ellen Fehl­pla­nung am Bu­ben­berg­platz hart ins Ge­richt und ver­gleicht sie mit der Zer­stö­rung der Schan­zen­an­lagen in So­lo­thurn in den 1870er Jahren: «Diese als «Van­da­lenakt» be­zeich­nete Tat löste eine schweiz­weite Pro­test­be­we­gung aus. Un­glaub­lich, dass 150 Jahre später die Stadt Bern eben­falls wil­lent­lich die Zer­stö­rung einer neo­ba­ro­cken An­lage für eine völlig über­holte Un­ter­ta­ge­le­gung der Fuss­gän­ger­ströme in Kauf nimmt.»

Es fehle an einer Ge­samt­ver­kehrs­pla­nung, «welche die in einem Tief­schlaf ver­har­renden Bahn­höfe im Süden und Westen end­lich auf­wertet», schreibt der in Biel le­bende Ro­de­wald und ruft die Be­hörden drin­gend zu einem Kurs­wechsel auf: «Eine breite Pro­test­be­we­gung wie in Biel, die den un­säg­li­chen Westast ab­sägte, dürfte auch in Bern ent­stehen, falls die Stadt­re­gie­rung nicht auf den Ap­pell der Fach­leute hört.»

 

 


 

 

Pas­sa­giere wollen ans Licht!

Der Berner Ar­chi­tekt Walter Hunz­iker kri­ti­siert die ge­plante Un­ter­füh­rung in den Hir­schen­graben mit deut­li­chen Worten und Argumenten:

«Mit der ge­planten un­ter­ir­di­schen Füh­rung der Fuss­gän­ge­rInnen bis zum Hir­schen­graben wird das grösste ar­chi­tek­to­ni­sche De­fizit des Berner Bahn­hofs ver­stärkt. In der Per­ron­halle spürt man die gi­gan­ti­sche Ge­bäu­de­masse über dem Gleis­de­ckel und auch den „Sei­ten­druck“ durch die mas­siven Ab­stüt­zungen gegen die Läng­gasse. Die dünnen Voll­stahl­säulen ver­mögen die wahre Ge­bäu­de­tek­tonik nicht zu ver­tu­schen, welche zu Recht als trü­ge­risch, ja be­droh­lich wahr­ge­nommen wird. Der zweit­grösste Bahnhof der Schweiz hat trotz aus­ge­klü­geltem Be­leuch­tungs­kon­zept die be­drü­ckendste Per­ron­halle der Schweiz. In der dunklen Berner Halle su­chen An­rei­sende in­stinktiv den Stadt­zu­gang beim Licht. Dem Licht fol­gend wird man im Westen we­nigsten zur Welle ge­leitet, leider aber nur zu einem Nebenausgang.»

 

Die un­ter­ir­di­schen Wege durch den Bahnhof be­ein­träch­tigen das Emp­finden der Rei­senden. Die Fehl­pla­nung aus dem letzten Jahr­tau­send kann nicht mehr rück­gängig ge­macht werden – nun geht es aber darum, die Si­tua­tion zu op­ti­mieren, wie Walter Hunz­iker weiter ausführt:

 

«Bern war mit dem Stand­ort­ent­scheid im letzten Jahr­hun­dert zu einem in­ge­nieur­mäs­sigen Kraftakt ge­zwungen. Die Alt­stadt­nähe – eines der Haupt­ar­gu­mente für den da­ma­ligen Stand­ort­ent­scheid – hat pa­ra­do­xer­weise den Zu­gang zum Stadt­raum we­sent­lich er­schwert. Man muss weite Stre­cken unten durch. Heute sind wir ge­zwungen mit un­serem Bahn­hof­ko­loss leben. Aber wir wären un­be­lehrbar, wenn wir mit der ge­planten Pas­sage den un­ter­ir­di­schen Bahnhof weiter in die Stadt hinein ver­län­gern würden, an­statt den ober­ir­di­schen Stadt­raum so weit wie nur ir­gend mög­lich an die Per­rons heranzuführen.»

 


 

 

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